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Chronische Krankheiten und der Umgang damit

Was ist das Besondere an chronischen Krankheiten?

Krank ist doch krank, oder?

Unsere Vorstellung von Krankheit ist ein lineares System: Jemand ist gesund, dann passiert etwas und schädigt den Körper, es gibt dann eine Heilungsphase und danach ist derjenige wieder gesund. In dieser Heilungsphase gibt es Mitgefühl und Unterstützung, auch mit dem Ziel, dass der kranke Mensch so schnell wie möglich wieder gesund wird.

 

Wird jemand chronisch krank, so verletzt er diesen unausgesprochenen "Vertrag". Denn er braucht dauerhaft Unterstützung und wird einfach nicht wieder gesund.

Nun sind wir Menschen nicht dafür eingerichtet, zu lange in Bezug auf ein schreckliches Ereignis emotional beteiligt zu sein. Sehen wir uns dafür nur mal unsere Reaktionen zu den in den Nachrichten berichteten Katastrophen an, die uns nicht unmittelbar betreffen. Wir sind schockiert, wir empfinden Mitleid mit den betroffenen Menschen, wir möchten vielleicht sogar helfen...bis dann nach ein paar Wochen die Meldungen weiterhin grausam und herzzerreißend sind, aber unser Interesse trotzdem abflaut und man sich denkt: "Ja, schlimm, aber daran kann ich ja nichts ändern" und sich dann dem Frühstücksei zuwendet.

So sind wir nun mal und ohne diese Fähigkeit, uns an alles mögliche anzupassen, gäbe es uns wohl gar nicht mehr als Menschheit.

 

So erfährt ein chronisch Erkrankter erstmal auch eine Welle der Anteilnahme, bis dann eben alle mit ihrem Leben weitermachen. Für chronisch Kranke ist die Frage: "Wie geht es dir denn?" schon schwierig. Weil die ehrliche Antwort wahrscheinlich ist: "Weiterhin so mies wie schon letzte Woche und nächste Woche wird es wohl nicht viel anders sein." Das macht den Frager total hilflos und die Wahrscheinlichkeit, dass er einem Kontakt zukünftig aus dem Wege geht, ist sehr groß. Was zu einer sozialen Vereinsamung des chronisch Kranken führt, der wahrscheinlich ohnehin schon sehr eingeschränkt in seinen sozialen Kontakten ist. Und der Kreislauf setzt sich fort. Oder der Kranke hat den Druck, sich irgendwann mal für die ganze erhaltene Aufmerksamkeit zu revanchieren und kann aber nicht plötzlich doch wieder besser funktionieren, nur weil das erwartet wird. Die beiderseitige Enttäuschung ist vorprogrammiert. Noch schwieriger ist die Frage: "Geht es dir gut?" Entweder lautet die ehrliche Antwort: NEIN oder es wird gelogen. Beides führt meist nicht zu einem Gespräch, welches beide gerne fortführen wollen. Chronisch Kranke sollten auch die Belastung, die eine ehrliche Schilderung ihrer Situation darstellt, nicht unterschätzen. Kaum jemand hat Lust auf einen Kontakt zu jemanden, der immer nur Negatives zu berichten hat. Also sollte man gut überlegen, wie die Beziehung ist und was man in welcher Dosis berichtet. Aber es ist auch wichtig, ehrlich zu sagen, was los ist. Aber das kann man mal ausführlicher tun und manchmal auch nur knapp. Und für den Frager ist die Formulierung: "Ich hoffe, es geht dir nicht schlechter?" vielleicht etwas glücklicher und sensibler gewählt. Und gar nichts falsch kann man machen, wenn man seine Unsicherheit, wie man am besten fragen sollte, offen anspricht.

 

Freundschaft und Beziehung, wenn eine chronische Krankheit im Spiel ist:

 

Wenn der chronisch Kranke in einer engen Beziehung mit jemanden lebt, wird dieser in den Sog der Vereinsamung oft mitgezogen. Es kümmert sich ansonsten niemand mehr, also bleibt alles an diesem einen Menschen hängen. Irgendwie wird er so eine Art "Co-Krank", auch in seinem Leben dreht sich plötzlich alles nur noch um Arzttermine, Klinikaufenthalte, Medikamenteneinnahme und Therapieaussichten. Zudem fühlt sich der Partner oder die Partnerin oft hilflos, wenn keine Aussicht auf Besserung oder Heilung besteht. Steht Ängste aus. Und Hilflosigkeit in Kombination mit Angst macht unglaublich viel Stress.

 

Die Beziehung bekommt eine Dis-Balance.

 

Und, anders als man vermuten würde, ist nicht der gesunde Mensch der Starke, sondern der chronisch Kranke bestimmt, wo das Limit ist.

 

Wenig Beziehungen halten das aus. Auch fühlt sich der chronisch Kranke zunehmend als Belastung für den anderen, der nun auch in seinem Leben und Plänen so eingeschränkt ist.

Aber auch Neid darauf, dass andere so mühelos etwas machen können, was sich ein Kranker schwer erarbeiten muss oder gar nicht mehr kann, spielt eine Rolle. Wenn dann die Gesunden von ihren Alltagssorgen erzählen, bringt der chronisch Kranke an manchen Tagen kaum noch Verständnis auf, weil er sich solche Sorgen wünschen würde und ihm diese als Luxusproblemchen vorkommen.

 

Ich glaube, die Problematik ist klargeworden.

 

Aber wie kann es da einen Ausweg aus dem Kreislauf geben?

 

Da es chronisch Kranken meist nicht an allen Tagen gleich schlecht geht, kann man in der Freundschaft/Beziehung ausmachen: Der Gesunde darf ungefiltert, so wie früher, alles erzählen, was ihn umtreibt. Denn eine Freundschaft/Beziehung ist keine Therapie, in der es nur um eine Person geht. Wenn nicht beide Seiten das Recht haben, sich ohne Zensur auf Augenhöhe auszutauschen, dann ist das keine Freundschaft/Beziehung mehr.

 

An den Tagen, an dem es dem Kranken so schlecht geht, dass er sich nicht auf den Alltagskram des anderen einlassen kann, muss er das ehrlich mitteilen und der andere sollte das dann akzeptieren!!!

 

Auch darf der gesunde Mensch ehrlich sagen, wenn er es grade nicht aushält, sich mit der Krankheit zu beschäftigen, weil das zu belastend ist!!!

 

Kurzfristig klingt das vielleicht herzlos, aber langfristig wird diese Ehrlichkeit dazu führen, dass die Beziehung als eine Beziehung erhalten bleibt, in der beide Menschen mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden und auf diese Rücksicht nehmen können.

 

Chronische Krankheiten sind ein Marathon und wer da nicht gut auf sich achtet und immer wieder Proviant aufnimmt, wird es nicht schaffen.

 

Das bedeutet für die Gesunden auch: Auf sich achten. Sich immer wieder bewusst schöne Ereignisse verschaffen, Leute treffen, Freundschaften und Hobbies pflegen. Eben sich alles gönnen, was Freude bringt. Ohne jedes schlechte Gewissen. Denn Zuhause zu bleiben und sich selber ebenfalls die Aktivitäten zu verwehren, die der andere auf Grund seiner Krankheit nicht mehr machen kann, führt nur dazu, dass sich der Kranke noch schlechter fühlt.

Natürlich wird er auch mal eifersüchtig darauf sein, was der andere da macht, weil er das selber auch gerne können würde. Aber wenn ehrliche Zuneigung im Spiel ist (und was wäre das für eine Freundschaft/ Beziehung, wenn das nicht so ist?), gönnt man es dem anderen vom Herzen. Das schließt sich auch nicht aus: Man kann jemandem etwas gönnen UND es sich für sich selber auch wünschen und enttäuscht sein, dass es nicht geht.

Das heißt ja nicht, dass jede Quelle der Freude für den Gesunden nur noch außerhalb der Beziehung zu finden ist. Natürlich wird es immer wieder trotz Krankheit schöne, heitere, bewegende und sehr intensive Momente miteinander geben. Das kann die Freundschaft/ Beziehung sogar noch vertiefen.

 

Und der chronisch Kranke sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten immer und immer wieder seine Wahrnehmung auf positive Dinge richten. Sich über einen Film freuen, einen lustigen oder interessanten Podcast, ein paar schöne Bilder, Musik, eine Leckerei, den Baum vor der Tür genießen, was immer möglich ist... ja, manchmal sind nur Kleinigkeiten möglich, aber sie wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen, ist nun wichtiger denn je. Sich loben für die kleinen Erfolge, die es gibt.

 

Geduldig zu sein, wenn es diese Tage gibt, die einfach nur in Schmerzen versinken und kaum auszuhalten sind.

 

Meist wird es ja auch wieder bessere Tage geben.

 

PS Natürlich weiß ich, dass niemand nur "gesund" oder nur "krank" ist und das Ganze ein Spektrum, auf dem wir uns mal mehr auf der einen und mal mehr auf der anderen Seite befinden, auch können Anteile von uns sehr krank sein, während anderes völlig beschwerdefrei möglich ist...aber in diesem Blog soll es nicht um einen wissenschaftlichen Diskurs gehen, sondern es sollen leicht und praktisch anwendbare Tipps gegeben werden, wie man psychologische Erkenntnisse konkret für sich nutzen kann